Aufnahme in die Freie Akademie der Künste Hamburg


dpa

Hamburg. Die Freie Akademie der Künste in Hamburg hat neue Mitglieder berufen. Der Sektion Literatur gehören künftig der Schriftsteller, Übersetzer, Schauspieler und Sprecher Harry Rowohlt und die Autorin Tina Uebel an. In die Sektion Baukunst wurde der Bauhistoriker Niels Gutschow berufen, in die Sektion Musik der Komponist und Musiktheoretiker Sascha Lino Lemke und der Komponist Klaus Hinrich Stahmer. Die Akademie ist eine Gemeinschaft von Künstlern, die "einen anerkannten Beitrag zur Kunst der Zeit" geleistet haben. Die Zahl ihrer Mitglieder ist beschränkt.




Sirènes fumeueses


Tibia Magazin (1/2012)

"...Der nächste Tag begann mit Trio Viaggio, welches u.a. Sirènes fumeuses (UA) von Sascha Lemke, einem Komponisten, der noch öfters an diesem Wochenende zu hören war - eine tolles Stück darbot. ..."






Hindemith-Preis für Sascha Lino Lemke


Horst Schinzel
Ostholstein.Mediaquell.de, 27. Mai 2010
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Sascha Lino Lemke erhält in diesem Jahr den mit 20.000 Euro dotierten Paul Hindemith-Preis. Das Votum der Jury unter Vorsitz des Intendanten des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Prof. Rolf Beck, fiel einstimmig auf den Hamburger Komponisten.


"Sascha Lino Lemke gehört zu den interessantesten Komponisten der jüngeren Generation. Sein enormer Klangsinn und sein ausgeprägtes Gespür für elektronische Effekte vermag er in seinen Kompositionen aufs Originellste zu verbinden", erklärt Prof. Rolf Beck die Juryentscheidung. Die Preisverleihung findet am Montag, 9. August, auf Schloss Reinbek statt Auf dem Programm stehen neben einem Werk zu Ehren Hindemiths, Lemkes Stücke "Hellerau lesen - 4 persönliche Transkriptionsversuche", Nummer IIb: "...und ich... ...ch... ...a..." (2007) für Querflöte und Elektronik und "Les fées sont d'exquises danseuses" (2005) für Flöte, präpariertes Klavier und Streichtrio con scordatura interpretiert von Hanna Petermann, Querflöte, Tanja Noters, Klavier und dem trio sonar.


Der Hindemith-Preis ist einer der höchst dotierten Komponistenpreise und wird seit 1990 alljährlich im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals verliehen. Vier Stiftungen vergeben den Preis dabei gemeinsam: die Schweizer Hindemith-Stiftung, die Hamburger Stiftungen Rudolf und Erika Koch-Stiftung, Walter und Käthe Busche-Stiftung sowie die Gerhard Trede-Stiftung.


Sascha Lino Lemke wurde am 10. November 1976 geboren und studierte Komposition, elektronische Musik und Musiktheorie in Hamburg und Paris und absolvierte am bedeutenden Pariser IRCAM den einjährigen Computermusik- und Kompositionskurs. Sein besonderes Interesse gilt mikrotonalen Fragen und der Computermusik, zu seinen Arbeiten zählen Stücke für verschiedene kammermusikalische Besetzungen sowie Musiktheater und Bühnenmusiken. Sascha Lino Lemke war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und wurde mit dem Kranichstener Stipendienpreis, dem Bachpreis- Stipendium der Stadt Hamburg sowie dem Dresdner Musik Stipendium ausgezeichnet.






SHMF: Musikfeste auf dem Lande 2010



Sabine Spatzek
Kieler Nachrichten, 26.05.2010
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Lübeck. Auch wenn die Landespolitik mit ihren Sparankündigungen nicht zu gelassener Heiterkeit beiträgt: Bei den fünf Musikfesten auf dem Lande in Stocksee (17./18. Juli), Emkendorf (24./25. Juli), Hamburg-Marmstorf (31. Juli/1. August), Wotersen (7./8. August) und Pronstorf (14./15. August) will sich das Schleswig-Holstein Musik Festival auch in diesem Jahr von seiner unbeschwerten Seite zeigen.

In jeweils acht Konzerten pro Wochenende können Besucher etablierte Künstler aus dem Hauptprogramm ebenso wie Nachwuchsvirtuosen mit abwechslungsreichen Musikprogrammen erleben - und in den Pausen das einmalige Ambiente bei einem Picknick im Grünen genießen. "Beliebte Angebote wie die Kindermusikwerkstatt oder den ,musikalischen Nachschlag` am Samstagabend haben wir erneut im Programm", freute sich Musikfeste-Leiterin Wiebke Schwarz gestern bei der Vorstellung des Programms in Lübeck.


Ob dies angesichts der geplanten Kürzungen des Landeszuschusses für das SHMF um 500000 Euro bis 2012 über das Jahr hinaus so bleiben wird, dazu mochte sich in der Intendanz gestern niemand äußern. "Noch wissen wir nichts offiziell. Wir suchen weiter das Gespräch mit dem Land und gehen davon aus, dass unsere Argumente gehört werden", erklärte Verwaltungsdirektor Burkhard Stein in Vertretung von Festival-Intendant Rolf Beck.


"Polnisch gestimmt" beginnt jedenfalls der Musikfeste-Reigen 2010 auf Gut Stockseehof - passend zum Länderschwerpunkt. Von a-cappella mit dem jungen Poznan Chamber Choir über Jazz mit dem Jasha Lieberman Trio bis hin zu deutschen und polnischen Chansons reicht das Spektrum. Nicht fehlen darf natürlich der Pole Frédéric Chopin, dessen 200. Geburtstag im Programm gewürdigt wird.


Auch das SHMF selbst hat ein Jubiläum zu feiern: In Emkendorf und Wotersen blickt man unter dem Motto "Von fremden Ländern und Menschen - 25 Jahre Festival" deshalb auf ausgewählte Länderschwerpunkte vergangener Jahre zurück. In der Emkendorfer Scheune gehören das renommierte Ensemble L'Art du Bois, die junge Pianistin Leonie Rettig oder die Blechbläser der Gruppe Brasserie zu den auftretenden Künstlern.


Dem Nachwuchs gehört die Bühne im Pronstorfer Kuhstall, besonders wenn am 15. August der mit 5000 Euro dotierte Förderpreis der Sparkassen-Finanzgruppe vergeben wird. Dafür bewerben sich die Bundessieger Klavierkammermusik des Wettbewerbs "Jugend musiziert", die gerade in diesen Tagen in Lübeck ermittelt werden. "Märchenhaft musikalisch" geht es zwei Wochen zuvor im Süden Hamburgs auf dem Gelände der Baumschule Lorenz von Ehren zu, wenn etwa das Klavierduo Friederike Haufe/Volker Ahmels gemeinsam mit dem Schauspieler Christoph Bantzer in die Welt der Marionetten und Hexen entführt.


Bekannt gab das Festival auch den Paul Hindemith-Preisträger 2010: Der 1976 in Hamburg geborene Sascha Lino Lemke erhält den mit 20000 Euro höchstdotierten deutschen Komponistenpreis für seinen "enormen Klangsinn und sein ausgeprägtes Gespür für elektronische Effekte", die er in seinen Kompositionen "aufs Originellste zu verbinden vermag", so die Jury. Lemke studierte in Hamburg und Paris Komposition, elektronische Musik und Musiktheorie. Sein besonderes Interesse gilt mikrotonalen Fragen und der Computermusik.







Klangwerktage 2009

Neue Musikzeitung - nmz
05.12.2009
Von Ute Schalz-Laurenze

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"Ihr seid ja wunderbar verrückt!"
Die vierten Hamburger Klangwerktage

"Toller geht's nicht - Ihr seid ja wunderbar verrückt!" hatte einer ins Gästebuch zu der geheimnisvollen Ramklangkomposition "Troposphères" von Sascha Lino Lemke in den Labyrinth-ähnlichen Kreisen in der Kampnagelfabrik in Hamburg geschrieben. Den schriftlichen Ausbruch kann man gerne für Konzeption und Durchführung des sechstägigen Festivals übernehmen. Mit viel Liebe, viel Kenntnis und viel Begeisterung wurde da an unglaublich vielen Ecken gebastelt. Einmal im pädagogischen Bereich sowohl mit Schülern und Laien als auch mit MusikstudentInnen, dann im interdisziplinären mit Architektur und Lyrik, im rein künstlerischen, im sozusagen traditionellen Geburtstagskonzert, im auch technischen Experiment – und das alles mit zahlreichen Querverbindungen untereinander, meist auch mit einem politischen Akzent. Der Zuschauerzuspruch fing äußerst spröde an, steigerte sich aber im Lauf der Tage explosiv und die verantwortliche Christiane Leiste konnte am Ende 2300 BesucherInnen bekanntgeben. Das könnte ein Durchbruch in Sachen Neuer Musik in Hamburg sein.


Die von Thomas Schmölz gegründeten "Klangwerktage" fanden zum vierten Mal statt, jetzt erstmalig mal unter der künstlerischen Leitung und Geschäftsführung von Christiane Leiste. Die finanzielle Basis sind hauptsächlich das "Netzwerk Neue Musik" mit "Klang" und das EU-Projekt "Co-me-di-a", das besonders technische Vernetzungen unterstützt. Natürlich hat es hinten und vorne nicht gereicht, aber mit Hilfe von etlichen weiteren Stiftungen und Firmen hat das Hamburger Team alles möglich gemacht und völlig unterschiedliche BesucherInnen fast zeitgleich nach Kampnagel gelockt. Denn in den Räumlichkeiten dort kann man vom Foyer aus in etliche Konzertsäle gehen, was eine wunderbare Turbulenz garantiert. Außerdem gab es noch auf einer etwas erhöhten Empore verschiedene Musikfilme, die man sich bei einer Tasse Kaffee ansehen konnte.


Zu den Highlights zählten ganz sicher die beiden Konzerte mit der ebenso sparsamen wie ausdrucksstarken Musik György Kurtágs, der persönlich leider absagen musste. Mit der phänomenalen Geigerin Hiromi Kikuchi, den Pianisten Gábor Csalog und András Kemens, dem Geiger András Keller, der Sopranistin Maria Husman, dem Cimbalonspieler Luigi Gaggero und dem Kontrabassisten Niek de Groot hatte man die Spitze heutiger Kurtág-Interpretation eingeladen, große Begeisterung war die Antwort in der gut besuchten Laiszhalle. Ein Konzert mit den Kompositionsstudenten der Musikhochschule Hamburg erwies sich als ein höchst intensives Experimentierfeld, von allen wird man später hören, vermute ich. Und David Moss war da, sang und unterrichtete.


Dann wurde Nikolaus Brass 60 Jahre alt, einer der stillen im Lande. Der Arzt war bis vor kurzem Redaktionsleiter einer medizinischen Zeitschrift, was ihm Unabhägigkeit vom Musikbetrieb garantiert. 1999 schrieb er "Void I" für Klavier nach dem Besuch des jüdischen Museums Berlin von Daniel Libeskind. Diese Voids – unübersetzbar – sind Leerräume im Museum, mit denen an etwas unwiderruflich vergangenes erinnert werden soll, die "Anwesenheit des Abwesenden" formulierte Nikolaus Brass. Einer dieser Räume heißt "gefallenes Laub", auf dem Boden liegen tellergroße flache Messingplatten, die ein Gesicht mit einem weit aufgerissenen Mund enthalten. Seiner Erschütterung gab Brass mit der Komposition Void I Ausdruck, eine nachdenkliche "arte povera", die an Franz Schubert und Morton Feldman erinnert, was keinesfalls Brass’ Eigenständigkeit infrage stellen soll.


Warum in diesem Konzert noch ausführlichst die spätromantische Geschwätzigkeit Wolfgang Rihms Platz hatte, war nicht zu vermitteln, auch nicht von dem großartig spielenden Berliner Boulanger-Trio. Die Orchesterfassung Void II mit den Hamburger Symphonikern unter der Leitung von Roland Kluttig mit den Solisten Sascha Armbruster und Pascal Pons machten sehr sinnfällig noch einmal andere Aspekte des Void-Themas auf. Dann traten da noch die glänzenden spanischen Bläser des Quintett Cuesta auf – mit einem leider für die Klangwerktage nicht gerade passenden Programm.


Leiste, unermüdlich auf der Suche nach mehr und anderer Kommunikation, hatte noch eine wunderbare Idee: alle Konzerte wurden von Menschen ganz verschiedener Provenienz angekündigt, von einem Tonmeister, einer Regisseurin, einem Kunsthistoriker, einem Schriftsteller und vielen mehr. Für das Kurtág-Konzert tat dies der Soziologe Wolfgang Lepenies, der in einer halben Stunde glänzend Franz Kafka, Georg Christoph Lichtenberg und Kurtág zu verbinden verstand: es war eine Lust, seiner Sprache zu folgen. Ein anderer sprachlich und denkerischer Höhepunkt war die Diskussion zwischen dem Architekten Daniel Libeskind und Nikolaus Brass, beide von hingebungsvoller Wahrhaftigkeit in Bezug auf ihr Ansinnen. Auch die Lesung des einmaligen Zeitzeugen deutscher Geschichte Reiner Kunze gehört hierher. Leiste zu ihrem Konzept: "Ich habe es satt, Konzerte für ein Spezialisten Publikum zu veranstalten.Musik ist Leben und muss lebendig sein".


Keinesfalls zu unterschätzen sind die Pädagogikprojekte: zum Beispiel die Kooperation mit einer Pariser elften Klasse, die zusammen mit der Harburger Rudolf Steiner-Schule ein wunderbares Reflexionskonzert über den Besuch des Libeskindmuseums mit Instrumenten und einem Film veranstaltete. Christiane Leistes Konzept war, überall nach neuen Verbindungslinien zu suchen….da kann es im Einzelfall nicht darum gehen, ob das alles gut war. Gut war vor allem, was sie alles riskiert und ausprobiert hat.






"Klangwerktage" in Hamburg

Beförderung der Hamburger Hörlust

Von Louise Erdmann
Frankfurter Rundschau, 25.11.2009

Neue Musik, schwere Musik? Schwer getan mit der Neuen Musik hat Hamburg sich in der Vergangenheit auf jeden Fall. Abgesehen von der Reihe "das neue werk" im NDR war das Nordlicht der Republik in Sachen Neue Musik lange Zeit auch zumindest ihr gefühltes Schlusslicht. Das hat sich sacht verändert, seit Einzelkämpfer, Ensembles und Initiativen sich vor ein paar Jahren im Netzwerk für Neue Musik zusammengefunden haben.


Zurzeit verfügen sie über Geld von der Bundeskulturstiftung, die die Neue Musik zu einem ihrer Förderschwerpunkte zwischen 2008 und 2011 erklärt hat. Schade nur, dass die Hamburger für ihre eher das subtile Hören fordernden und fördernden Aktivitäten den groben Wortkeil KLANG! geschmiedet haben. Klar, sie wollen endlich unbedingt Gehör finden. Aber Ausrufezeichen sind schlechtes Marketing, und Versalien auch.


Und das Publikum an der Elbe ist ja schon etwas risikofreudiger geworden. Seit Ingo Metzmacher jede seiner Spielzeiten an der Staatsoper mit einem Stück des 20. Jahrhunderts zu eröffnen pflegte und in seinen legendären Silvesterkonzerten immer wieder neue, höchst unterhaltsame Antworten auf die zum geflügelten Wort avancierte Frage "Who Is Afraid of 20th Century Music?" gab, ist in der Hansestadt fast so etwas wie die Sehnsucht nach dem neuen Klang ausgebrochen. Die "hamburger klangwerktage", die am vergangenen Sonntag eröffnet wurden und noch bis Freitag auf Kampnagel stattfinden, stillen diese Sehnsucht auf die bestmögliche Weise: Sie wecken die Lust auf mehr.


Dabei ereilte Christiane Leiste, die in diesem Jahr die Leitung der Klangwerktage übernahm, kurz vor Beginn ihres Debüts der Super-Gau jedes Festivalmachers: die Absage des Zugpferds. Der 83-jährige György Kurtág, verehrt für die aphoristische Kürze, Reinheit und Tiefe seiner Kompositionen, sollte das Seelenzentrum der Klangwerktage werden, blieb aber mit einer schweren Grippe in Budapest. Nach dem ersten Schock gewann der Gedanke an Kraft, dass im Fluch dieser Absage auch ein Segen liegen könnte: Zwangsläufig abgelöst von der in diesem Feld freilich ohnehin nicht allzu unersättlichen Prominenten-Neugier, musste das Festival nun erstmal allein auf die Hörlust des Publikums vertrauen - und auf die Qualität der von Kurtág als Ersatz geschickten Interpreten.


Für Schaulustige gibt es auf den Klangwerktagen trotzdem viel zu entdecken. Studenten der HafenCity-Universität bauten eine raumfüllende, aufregend verschlungene Installation aus biegsamen Installationsrohren in eine der großen Kampnagel-Hallen. Als geheimnisvoll beleuchteter Irrgarten der Kunst bietet sie dem schwindelfreien Auge Halt beim Hören der intensiven Streichermusik von Sascha Lino Lemkes "Troposphères".


Zeitgenössische Musik ist heute zwangsläufig Musik des 21. Jahrhunderts. Entsprechend tief ist die Verbeugung der Klangwerktage vor dem Computer in all seinen musikalischen Generierungs-Eigenschaften und vor dem Internet. Das aus sieben Musikern bestehende European Bridges Ensemble konzertiert gern virtuell, bot in Hamburg aber live interaktiv komponierte Musik an den Rechnern.


Den Abschluss bildet morgen eine Aufführung der Kompositionen "Void I" und "Void II" des Münchners Nikolaus Braas, musikalische Reflexionen auf die Void genannten Leeräume des Jüdischen Museums in Berlin. Dessen charismatischer und hoch musi-kalischer Architekt Daniel Libeskind unterhält sich vor der Aufführung in einem Podiumsgespräch mit dem Komponisten über Musik und Architektur.


Libeskind ist der prominenteste jener vom Festival Reisebegleiter genannten Menschen, die das Spezialistentum, hinter dem die Neue Musik meist unglücklich verschanzt bleibt, aufbrechen sollen: Theaterleute, Publizisten und ein paar eben doch sehr musikkundige Leute erzählen dem Publikum, warum sie nirgendwo hin lieber reisen als in die Klangwelten der neuen und der neuesten Musik.






IRCAM

Hamburger taz
18.12.2003
S.23

Geehrt

Hamburg taz - Sascha Lemke, Kompositionsstudent der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wurde vom Ircam Centre Pompidou mit einem Jahresstipendium für Komposition und Computermusik bedacht. Er erhält eine der höchsten Auszeichnungen, die ausländischen Studierenden in Frankreich zuteil werden kann. Das "Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique" wählte ihn unter 311 Bewerbern aus.


taz Nord Nr. 7237 vom 18.12.2003, Seite 23, 15 Zeilen (TAZ-Bericht)






Hellerau

Sächsische Zeitung
Donnerstag, 3. Juni 2004

Musik einer Baustelle für versteckte Ensembles
Sascha Lemke bringt Wandaufschriften aus dem Festspielhaus Hellerau zum Klingen

Von Bernd Klempnow

Noch nicht aufgeführt und schon Geschichte, spannende dazu - welcher Komponist kann das? Der 27-jährige Sascha Lino Lemke schreibt derzeit an solchen Werken. Am 6. Oktober erklingen sie bei den 18. Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik im Festspielhaus Hellerau. Nur Minuten sind Lemkes vier Kompositionen kurz, sind Teil eines außergewöhnlichen musikalisch-szenischen Programms. Unter dem Titel "PassPort" entwickeln seit vergangenem Herbst vier junge Komponisten, sechs Musiker, ein Dramaturg und Videograf aus Deutschland, Mazedonien, der Ukraine und Brasilien das Projekt.



Erstes Projekt vom Musik Stipendium Hellerau

Besonders ist auch, dass das Team zwar von Mitarbeitern des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau begleitet wird, es aber für die Erarbeitung und Organisation, die auch Marketing und Pressearbeit einschließt, selbst verantwortlich ist. Diese Form der Förderung künstlerischer und kunstbegleitender Talente in der Neuen Musik ist europaweit einmalig. Die Bundeskulturstiftung unterstützt deshalb das vom Kunstzentrum vergebene Musik Stipendium Hellerau.


"PassPort" biete faszinierende Möglichkeiten des Experimentierens, findet Sascha Lino Lemke. Der junge Mann aus Hamburg gilt als einer der hoffnungsvollsten Neutöner der instrumentalen, oft elektroakustisch-veränderten Musik. Diverse Stipendien, etwa das zum Hamburgischen Bachpreis oder Aufträge von renommierten Festivals wie die Münchner Biennale und die Expo 2000, zeugen davon.


Bislang hat er eher im eigenen Stübchen komponiert. Diesmal muss er seine Stücke den Arbeiten der anderen drei Komponisten gewissermaßen anpassen, da die einzelnen Teile sich ergänzen, auch ineinander fließen sollen. "Die Kreativität wird dadurch nicht eingeschränkt", glaubt Lemke: "Die Arbeit ist stärker im Fluss, dass macht sie so spannend."


Im vergangenen Herbst traf sich das Team erstmals in Hellerau. Kulturelle Identität und das Festspielhaus selbst waren die Themenvorgaben. Was die Künstler seitdem erdachten, fügten sie in einer gerade abgeschlossenen zweiten Arbeitsphase zusammen oder verwarfen, um es erneut bis zum Herbst zu überarbeiten. Ganz Unterschiedliches wird dann erklingen. "Mancher greift Traditionen seiner Heimat auf oder die Auflösung der politischen Blöcke. Ich habe mich auf das Haus mit seiner langen Geschichte gestürzt", sagt Lemke. Wandaufschriften taten es ihm an. Skizzen von Bauarbeitern, Bilder der Roten Armee, ein Brecht-Gedicht ... Diese Texte vertonte er nicht zu Liedern, sondern bearbeitete die aufgenommenen Texte. "Alle Möglichkeiten, die Sprache und Musik bieten", untersuchte er, veränderte, verzerrte die Aufnahmen mit dem Hall des Raums zu einer unwirklichen Akustik. Stücke für sprechende Ensembles, für sich im Raum bewegende oder gar versteckte Ensembles sind entstanden. "HelleRauM" ist so ein Transkriptionsversuch überschrieben.


Erstmals seit Jahrzehnten Musik für den Raum

Egal wie es klingt, eines gelang Sascha Lemke auf jeden Fall. Er und seine Kollegen haben wie zur Hoch-Zeit von Hellerau Anfang des 20. Jahrhunderts speziell für diesen einmaligen Bühnenraum komponiert. Ob die Idee aufgeht, das "PassPort"-Programm nach der Premiere auf Tournee zu schicken? "Stücke für einen Raum in andere Räume zu exportieren, ist immer schwierig", sagte Sascha Lino Lemke. Aber auch er weiß, dass seine Arbeiten im Herbst in einem anderen Festspielhaus erklingen werden, als es das Gebäude zu Zeiten der Aufnahmen war. Das Festspielhaus wird ja saniert. "Das Haus verändert sich, meine Arbeit konserviert gewissermaßen schon wieder Geschichte."


www.kunstforumhellerau.de




PassPORT 1

Dresdner Neueste Nachrichten

"pass_PORT" im Festspielhaus Hellerau

Man nehme vier Komponisten, sechs Musiker und einen Videographen unterschiedlicher Herkunft, statte sie mit dem MUSIKStipendium des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau aus und lasse sie in einem gemeinsamen Projekt eine Idee wiederbeleben, die bereits vor 100 Jahren im Zentrum des eben erschaffenen Festspielhauses in Hellerau stand: die Auflösung der Grenzen unterschiedlicher Kunstgattungen sowie der Grenze zwischen Publikum und Bühne.


Allerdings bildeten Geschichte und Wirkung des Festspielhauses nicht die einzige Ebene der Performance "pass_PORT", die hier zur Aufführung kam. Neben den inneren Grenzen sollten auch die äußeren, die sicht- und spürbaren Grenzen und die kulturellen Identitäten eine Rolle in den Kompositionen und szenischen Umsetzungen spielen. Herausgekommen ist ein bis in den Titel hinein stimmiges Projekt.


Den Zuschauer erwartete eine ungewöhnliche Bühnenaufteilung: Einerseits wurde dadurch, dass sich die Zuschauer gegenübersaßen und das Ensemble zwischen ihnen platziert war, eine für Konzerte übliche Grenze aufgehoben. Andererseits aber wurde durch eben diese Installation sowie durch die den Raum mittig trennenden Videoleinwände eine visuelle Grenze aufgebaut, die das Ensemble, geleitet von Kevin John Edusei, während des Abends abschritt und ertastete.


Die Grenzen zwischen den verschiedenen Kunstrichtungen wurden in den einzelnen Kompositionen durch das Einbauen von Textsequenzen in die Musik brüchig gemacht: In der Komposition "Asiope" der Ukrainerin Svitlana Azarova (*1976), die die Ensemblespieler aus Anträgen für ein Visum zitieren lässt und gleichzeitig Demütigungen musikalisch spürbar macht, denen man sich dabei ausgesetzt fühlt. Oder wie Sascha Lino Lemke (*1976), der sich in seinen Kompositionen "Hellerau lesen - 4 persönliche Transkriptionsversuche" auf das Gebäude selbst konzentrierte. Vor allem in seinem zweiten Versuch für Flöte und Live-Elektronik, in der Sprache schließlich die musikalische Struktur zu durchdringen scheint, kann man die Grenze zwischen Musiker und Performer nicht mehr beschreiben: Hanna Petermann spielt hingebungsvoll mit Körper, Stimme und Instrument und entlockt ihrer Flöte fast menschliche Töne. Die Stimme aus dem Off schließlich benutzt die Mazedonierin Darija Andovska (*1979) in ihren "Shadow memories" und "Wall memories".


Im Gesamtkonzept ist es die Idee des Übergangs, des fließenden Ineinanders. So werden alle Kompositionen durch sogenannte "Passports" miteinander verbunden, geschrieben und entwickelt vom Videographen Daniel Kötter (*1975) sowie den Komponisten Alan Fabian (*1973) und Lemke. Durch diese Methode der digitalen Klangsynthese wird zwischen den unterschiedlichen Klängen der Kompositionen vermittelt, die so ineinander fließen. Gleichzeitig erfährt der Hörer visuelle Eindrücke durch eingespielte Videosequenzen.


Hier wurde eine äußerst überzeugende konzeptuelle Arbeit geleistet, die das Dresdner Publikum in reicher Zahl bereits überzeugt hat: Es spendete enthusiastisch Beifall. Bleibt zu hoffen, dass das auch auf der geplanten Europatournee so sein wird.



Christine Hoppe






passPORT 2

Sächsische Zeitung
Freitag, 8. Oktober 2004

Ästhetik der Übergänge
"Passport" ist ein gelungenes Projekt der Talente-Förderung Musikstipendium Hellerau

Von Peter Zacher

Das Programm mit dem Titel "Passport" schien zum Geheimtipp geworden zu sein. Der Ansturm des Publikums am Mittwoch im Festspielhaus Hellerau war außergewöhnlich groß. Und selten waren die Zuhörer hier derart konzentriert bei der Sache, die es ihnen aber auch leicht machte. Es war in erster Linie eine kaum in Worte zu fassende heiter-freundliche Leichtigkeit, die trotz aller Seriosität bei der Umsetzung der Projektteile die Szene dominierte und bewies, dass Ernsthaftes weder mit Verbissenheit noch mit geballter Faust dargeboten werden muss. Lichtstreifen, Aufzeichnungen von Herzschlägen und Aktionen für "verstecktes Ensemble" zogen sich ein bisschen lang hin, so dass man nicht recht wusste, worauf das hinauslaufen würde. Dann aber wurden sofort deutliche Signale gesetzt: Geräusche und Bilder, die einen fahrenden Zug assoziieren und den Topos des Projekts verraten - es geht um die Überwindung von Grenzen in einem offener gewordenen Europa. Diesem Grundgedanken unterwirft sich das Vorhaben in all seinen Komponenten und vor allem in der Zusammensetzung des Personals. Komponisten aus Mazedonien, Deutschland und der Ukraine handeln ab, was ihnen das Leben ohne den bis dato erforderlichen Pass(port) an neuer Denksubstanz und Existenzgewinn einbringt.


Damit aber nicht genug. Auch der Spielort Hellerau wird auf seinen Gehalt an Architektur und Historizität abgeklopft und in "Hellerau lesen - 4 persönliche Transkriptionsversuche" von Sascha Lino Lemke integriert. Dazu verfremdete er unter anderem Wandinschriften der vergangenen Jahrzehnte. Dadurch wurde das Festspielhaus räumlich und zeitlich entgrenzt und über den Horizont des Abends hinaus erweitert.


Dazwischen standen Überleitungen, die Alan Fabian aus dem Material der einzelnen komponierten Teile elektronisch gewonnen und umgesetzt hat und zudem auch noch Passports nennt, quasi als lokale Übergänge in einem Feld kontinentalen Übergangs. Nicht alle Einzelteile waren gleichermaßen schlüssig und als Beiträge zum Gesamtthema zweifelsfrei identifizierbar. Aber selbst dann waren sie noch immer musikalisch eigenständig und konnten sich selbst genügen, was auch ein Verdienst der Umsetzung unter der sorgsamen und unaufwändigen Leitung von Kevin John Edusei war.


Ein insgesamt gelungenes Projekt mit viel Behutsamkeit und leisen Tönen, das ohne jede auftrumpfende Attitüde auskam. Dieses einzigartige Vorhaben "Musikstipendium Hellerau", das internationale Talente für eine Arbeitszeit von anderthalb Jahren vereint, lohnt der Weiterführung. Initiiert wurde es vom Europäischen Zentrum der Künste.






Bach-Preis-Stipendium

Hamburger Abendblatt
Donnerstag, 3. Juni 2004
Kultur / Medien

Unterschiedlich getickt
Bach-Preis-Stipendiaten in Freier Akademie

Hamburg - Unterschiedlicher könnte ihre Musik nicht sein. Und doch ist beider Motivation eine ähnliche: der Versuch, Klänge und Töne bis in den rätselhaften Ursprung hinein zu erkunden. Der eine - Sascha Lemke - manchmal mit mathematischer Genauigkeit und Computer, der andere - Jörn Arnecke - aus einem emotionalen Grundimpuls heraus mit Bleistift. Die Bach-Preis-Stipendiaten gaben in der Freien Akademie ein lebhaftes Beispiel dafür, wie spannend die Musik der heutigen Neutöner ist.


Faszinierend, wie Lemke in seinem "Liebes-Lied für Violoncello & Computer" die Tiefenstruktur eines Rilke-Gedichts mit allerhand Klangeffekten umkreiste. Auch die Uraufführung seiner "Trois espaces imaginaires" geriet zu einer originellen Expedition durch große und kleine Räume, etwa einem Uhren-Kabinett, wo die Musiker unterschiedlich ticken.


Absolut überzeugend war auch Arneckes Beitrag zur Gattung des Streichquartetts. Mit seinem ersten Quartett "In Stille" unternahm er einen stillschweigenden Diskurs durch die Klangwelten der vier Streicher. Sein zweites Quartett "Inschriften", wo er Musik sichtbar macht, ist eine pfiffige Auseinandersetzung mit der Tradition, ohne plakativ zu sein - auch Neues ist vergänglich. bbr



erschienen am 28. Januar 2004 in Kultur / Medien




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